Bericht von

Sophie Hirn

Sophie Hirn war neun Jahre alt, als sie die Pogromnacht erlebte. Sie berichtet, wie ihre Ausgrenzung durch die Nazis letztlich ihre Beziehung zur jüdischen Tradition stärkte.

November1938-Erlebnisse-Hirn-Sophie-ATSHI015_900x1293
Sophie Hirn mit einer der zwei alten Damen, die sie in der Emigration aufnahmen (Großbritannien, 1939)

„Sie zerschlugen alle Gläser, alle Spiegel – alles.“

„Am 10. November, in der Pogromnacht, drangen acht Männer in unsere Wohnung ein. Ich war mit der Großmutter allein, meine Mutter kam später nach Hause. Sie zerschlugen alle Gläser, alle Spiegel – alles. Ich ging dann einige Tage zu meiner Tante Hulda und dem Leopold, bis die Glasscherben halbwegs weggeräumt waren.

Ich musste, wie alle jüdischen Kinder in eine jüdische Schule. Ich ging in eine Schule in der Castellezgasse. Es war keine richtige Lernstimmung dort, wir wurden immer weniger Schüler, eine fuhr nach Palästina, andere sind sonst wohin ausgewandert. Wir sprachen viel untereinander und auch mit den Lehrern über Emigration.

„Zu Hause begannen wir, unter meinem Einfluss, ein traditionelles jüdisches Leben zu leben”

In dieser Zeit hatte ich einen sehr intensiven Religionsunterricht, und dadurch bekam ich das erste Mal eine Beziehung zur jüdischen Tradition, die uns sehr nahe gebracht wurde; wir feierten auch die jüdischen Feste. Über Purim wurde uns viel erzählt. Das hat mir sehr imponiert die ganze Geschichte von Esther und von Haman. Zu Purim 1938 schrieb ich ein ganz langes Gedicht. 

Zu Hause begannen wir, unter meinem Einfluss, ein traditionelles jüdisches Leben zu leben. Meine Großmutter kannte sich in der Tradition aus, und wir feierten dann auch den Seder, aber das war nur ein einziges Mal, und wir zündeten zu Chanukka Chanukka-Kerzen an.

Sophie Hirn im Originalton (Quelle: Centropa)

Großes Foto oben:

Sophie Hirn in Wien mit Kindern ihrer Volksschulklasse

Foto aufgenommen in:

Wien (1936)

Interviewte Person:

Sophie Hirn

Zeitpunkt des Interviews:

2003

Interviewerin:

Tanja Eckstein

November1938-Erlebnisse-Hirn-Sophie-ATSHI014_cropped_400x400.jpg

Mehr über Sophie Hirn erfahren?

Die gesamte Biographie von Sophie Hirn findest du hier.

Du kannst zudem viele weitere Fotos der Familie von Sophie Hirn in der Centropa-Fotodatenbank finden.

Ressourcen

Mehr über die Novemberpogrome erfahren?

Die Zeitzeugenberichte auf dieser Website bieten nur einen ausgewählten Einblick in die Geschichte um die Novemberpogrome 1938.

Wir haben ein umfangreiches Verzeichnis von Ressourcen zusammengestellt, mit deren Hilfe du dein Wissen vertiefen kannst.

Das Foto im Hintergrund zeigt ein zerstörtes Schuhgeschäft in Wien am 10.11.1938
(Foto: Wiener Library/DöW F. Nr. 6392)

Weitere Berichte

Heinz Klein

Heinz Klein wurde am Tag nach den Novemberpogromen in ein Konzentrationslager deportiert und flog nach seiner Freilassung sofort nach Palästina.

Weiterlesen »

Gerda Feldsberg

Gerda war acht Jahre alt, als sie nach dem Anschluss auf dem Spielplatz plötzlich von anderen Kindern attackiert wurde – und von deren Eltern.

Weiterlesen »
Wien

Wilhelm Steiner

Wilhelm Steiner war im November 1938 achtzehn Jahre alt und musste mit ansehen, wie das Geschäft seiner Familie geplündert wurde. Als er einschreiten wollte, wurde der der Führerbeleidigung bezichtigt und verhaftet.

Weiterlesen »